Der Fachkräftemangel zwingt Unternehmen zum Umdenken – doch strukturelle Hürden bremsen noch immer. Eine Bestandsaufnahme.
Wien – Die österreichische Wirtschaft steht vor einem Paradoxon: Während Unternehmen händeringend nach qualifizierten Arbeitskräften suchen, bleibt das Potenzial gut ausgebildeter Frauen vielfach ungenutzt. Der demografische Wandel und die zunehmende Digitalisierung könnten nun aber einen Wendepunkt markieren.
Die Gleichstellung von Frauen in der Wirtschaft ist keine Frage der Ideologie,
sondern ein wirtschaftlicher Imperativ.
Je früher das alle Beteiligten erkennen, desto besser für den Standort Österreich.
Fachkräftemangel als Treiber
„Der Arbeitsmarkt hat sich gedreht“, bestätigt die Wirtschaftskammer. Besonders in technischen Berufen, im Gesundheitswesen und in der IT herrscht akuter Personalbedarf. Frauen mit entsprechender Qualifikation profitieren von dieser Entwicklung – Unternehmen können es sich schlicht nicht mehr leisten, auf weibliche Fachkräfte zu verzichten.
Flexible Arbeitsmodelle, die während der Pandemie an Akzeptanz gewonnen haben, erleichtern zudem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Homeoffice-Regelungen und Teilzeitoptionen in höheren Positionen werden allmählich zur Normalität.
Die harten Fakten bleiben ernüchternd
Trotz positiver Tendenzen: Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Der Gender Pay Gap in Österreich liegt laut Statistik Austria bei rund 18 Prozent im Durchschnitt. Frauen verdienen also knapp ein Fünftel weniger als ihre männlichen Kollegen – ein europäischer Spitzenwert im negativen Sinn.
In den Führungsetagen großer österreichischer Unternehmen sind Frauen nach wie vor unterrepräsentiert. Zwar zeigen Aufsichtsratsquoten erste Wirkung, doch in den Vorständen der ATX-Unternehmen bleibt der Frauenanteil im einstelligen Bereich.
Care-Arbeit als Karrierebremse
Das Kernproblem bleibt die ungleiche Verteilung unbezahlter Arbeit. Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen lasten überwiegend auf den Schultern von Frauen. Die Folge: Teilzeitquoten bei Frauen von über 40 Prozent, während Männer mehrheitlich Vollzeit arbeiten.
Österreich weist im EU-Vergleich eine der höchsten Teilzeitquoten bei Frauen auf. Das hat direkte Auswirkungen auf Einkommen, Aufstiegschancen und Pensionen. Ökonomen warnen seit Jahren vor den langfristigen volkswirtschaftlichen Kosten dieser Schieflage.
Was sich ändern muss
Experten sind sich einig: Ohne flächendeckenden Ausbau der Kinderbetreuung – insbesondere für unter Dreijährige und mit erweiterten Öffnungszeiten – wird sich wenig bewegen. Auch steuerliche Fehlanreize, die das Zuverdienermodell begünstigen, stehen in der Kritik.
Die Transparenz bei Gehältern gilt als weiterer Hebel. Erst wenn Entlohnungsstrukturen offengelegt werden müssen, lässt sich systematische Unterbezahlung wirksam bekämpfen.
Chancen nutzen
Die aktuellen Rahmenbedingungen bieten durchaus Potenzial für Veränderung. ESG-Kriterien zwingen börsennotierte Unternehmen zu mehr Transparenz bei Diversitätsthemen. Die Start-up-Szene zeigt, dass weibliche Gründerinnen erfolgreich sein können – wenn sie Zugang zu Kapital erhalten.
Entscheidend wird sein, ob Politik und Wirtschaft die richtigen Weichen stellen. Der Fachkräftemangel könnte zum Katalysator für längst überfällige Reformen werden. Die Alternative wäre, weiterhin auf einen erheblichen Teil des Arbeitskräftepotenzials zu verzichten – ein Luxus, den sich Österreich nicht leisten kann.
Wien, Redatkion, Foto: KI









