Warum Frauen in Österreich am 11. Februar 2026 noch immer für Lohngerechtigkeit kämpfen
42 Tage. So viele Tage arbeiten Frauen in Österreich auch 2026 noch unbezahlt – während Männer vom ersten Tag des Jahres an für ihre Arbeit entlohnt werden. Der Equal Pay Day am 11. Februar markiert symbolisch jenen Tag, bis zu dem Frauen gratis arbeiten müssen, um auf das gleiche Jahreseinkommen wie ihre männlichen Kollegen zu kommen. Doch was zunächst wie eine abstrakte Statistik klingt, hat konkrete Auswirkungen auf die finanzielle Realität von Millionen Frauen.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache
Mit einem Gender Pay Gap von 11,6 Prozent hat sich die Einkommenslücke zwischen Frauen und Männern in Österreich 2026 zwar im Vergleich zum Vorjahr (12,2 Prozent) leicht verringert – doch der Fortschritt ist minimal. Business and Professional Women Austria (BPW), die den Equal Pay Day seit 2009 für Österreich berechnen, ziehen eine ernüchternde Bilanz: Bei gleichbleibender Entwicklung erreichen wir Lohngerechtigkeit erst im Jahr 2043.
Das mittlere Bruttojahreseinkommen von ganzjährig vollzeitbeschäftigten Frauen lag 2025 bei 51.261 Euro, während Männer im Median 57.955 Euro verdienten – eine Differenz von 6.694 Euro pro Jahr. Über ein gesamtes Erwerbsleben summiert sich diese Lücke zu einem erheblichen finanziellen Nachteil, der sich bis in die Pension fortsetzt.
Regionale Unterschiede: Von Wien bis Vorarlberg
Die Einkommensschere klafft in Österreich regional sehr unterschiedlich auseinander. Wien verzeichnet mit 11,0 Prozent die geringste Lohnlücke – hier fällt der Equal Pay Day auf den 22. November (wenn man vom Jahresende rückwärts rechnet). Niederösterreich liegt mit 11,1 Prozent knapp dahinter und markiert den Equal Pay Day bereits am 10. Februar.
Das andere Ende des Spektrums bildet Vorarlberg mit einem alarmierenden Gender Pay Gap von 20,1 Prozent – hier arbeiten Frauen statistisch gesehen 80 Tage unbezahlt. Diese eklatanten regionalen Unterschiede spiegeln unterschiedliche Wirtschaftsstrukturen, Branchen und kulturelle Prägungen wider.
Der rote Faden: Systematische Benachteiligung über die gesamte Erwerbsbiografie
Das Motto des Equal Pay Day 2026 – Der rote Faden hat System – bringt die strukturelle Dimension des Problems auf den Punkt. Die Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern sind kein Zufall, sondern ziehen sich wie ein roter Faden durch die gesamte Erwerbsbiografie:
Berufswahl und Ausbildung: Frauen wählen häufiger Berufe im sozialen, pflegerischen und pädagogischen Bereich – Tätigkeiten, die gesellschaftlich zwar unverzichtbar, aber systematisch schlechter bezahlt sind.
Berufseinstieg: Bereits beim Einstieg ins Berufsleben verdienen Frauen oft weniger als Männer mit vergleichbarer Qualifikation.
Care-Arbeit und Teilzeit: Frauen übernehmen nach wie vor den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit – Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen – und reduzieren dafür ihre Arbeitszeit. Teilzeitarbeit bedeutet nicht nur geringeres Einkommen, sondern auch langsamere Karriereentwicklung.
Karrierechancen: Führungspositionen sind in Österreich noch immer männlich dominiert – der Gender Leadership Gap verstärkt den Pay Gap.
Pension: Das kumulative Ergebnis: Frauen beziehen im Alter Pensionen, die durchschnittlich 39,7 Prozent unter jenen der Männer liegen – Altersarmut ist weiblich.
Was sich ändern muss: Forderungen für echte Gleichstellung
BPW Austria und andere Organisationen fordern konkrete Maßnahmen, um die Lohnlücke endlich zu schließen:
- Lohntransparenz: Die EU-Lohntransparenzrichtlinie, die Österreich bis Juni 2026 umsetzen muss, ist ein wichtiger Schritt. Unternehmen müssen künftig Gehaltsstrukturen offenlegen, damit Diskriminierung sichtbar gemacht und bekämpft werden kann.
- Faire Bewertung von Care-Berufen: Tätigkeiten in Pflege, Erziehung und Sozialarbeit müssen endlich entsprechend ihrer gesellschaftlichen Bedeutung entlohnt werden.
- Ausbau der Kinderbetreuung: Flächendeckende, leistbare und qualitativ hochwertige Kinderbetreuung ermöglicht es Frauen, in Vollzeit zu arbeiten und ihre Karriere voranzutreiben.
- Gerechte Aufteilung der Care-Arbeit: Solange die unbezahlte Arbeit zu Hause ungleich verteilt ist, bleibt auch die Einkommensgerechtigkeit ein unerreichtes Ziel. Es braucht kulturellen Wandel und Anreize für partnerschaftliche Modelle.
- Finanzielle Anreize für Unternehmen: Steuerliche Begünstigungen für Firmen, die nachweislich gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit zahlen, könnten einen zusätzlichen Anreiz schaffen.
Ein Signal setzen: Was jede:r einzelne tun kann
Der Equal Pay Day ist nicht nur ein Tag der Statistik, sondern auch ein Tag der Solidarität und des sichtbaren Protests. BPW Austria ruft dazu auf, am 11. Februar ein Zeichen zu setzen – sei es durch das Tragen roter Kleidung, das Teilen von Beiträgen in sozialen Medien mit dem Hashtag #equalpayJETZT oder durch Gespräche im eigenen Arbeitsumfeld über faire Bezahlung.
Wichtig ist auch, Unternehmen hervorzuheben, die Gleichstellung aktiv fördern und als positive Beispiele vorangehen. Jede Stimme, die sich für Equal Pay einsetzt, trägt dazu bei, das Bewusstsein zu schärfen und Druck auf Politik und Wirtschaft auszuüben.
Fazit: 2043 ist zu spät
Dass der Equal Pay Day 2026 zwei Tage später im Jahr stattfindet als 2025, mag wie Fortschritt klingen – doch 42 Tage unbezahlte Arbeit für Frauen sind inakzeptabel. Bei der aktuellen Entwicklung müssen noch 17 Jahre vergehen, bis Lohngerechtigkeit erreicht ist. Das ist nicht nur unfair gegenüber den betroffenen Frauen, sondern auch ökonomisch kurzsichtig: Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit ist kein Privileg, sondern ein grundlegendes Recht.
Die gute Nachricht: Die Richtung stimmt, wenn auch das Tempo zu langsam ist. Mit der EU-Lohntransparenzrichtlinie steht ein wirksames Instrument bevor. Jetzt braucht es den politischen Willen zur konsequenten Umsetzung – und den gesellschaftlichen Druck, der Gleichstellung endlich zur Priorität macht.
Denn eines ist klar: So lange wollen und dürfen wir nicht warten.
INFO: Was ist der Equal Pay Day?
Der Equal Pay Day ist ein internationaler Aktionstag, der auf die Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern aufmerksam macht. Er wird unterschiedlich berechnet: BPW Austria rechnet vom Jahresbeginn und markiert den Tag, bis zu dem Frauen nacharbeiten müssen. Die Arbeiterkammer rechnet vom Jahresende rückwärts und zeigt, ab wann Frauen gratis arbeiten. Basis sind jeweils ganzjährige Vollzeitbeschäftigungsverhältnisse – Teilzeit, Saisonarbeit und Lehrverhältnisse sind nicht erfasst, was bedeutet, dass die tatsächliche Gesamtlohnlücke noch größer ist.
Von der Redaktion frauundkarriere.com | 11. Februar 2026, Bild: KI









